50 Jahre Kolpingfamilie Gerstungen

In unserer Filialgemeinde „Herz-Jesu“ in Gerstungen wirkt seit vielen Jahren eine Kolpingfamilie, Frauen und Männer, die sich den sozialen Grundsätzen von Adolph Kolping verschrieben haben. Sie dürfen im Oktober ihr 50jähriges Jubiläum feiern.

Aus diesem Anlass hat Frau Gabriele Schäfer, die viele Jahre als Pfarrsekretärin in Eisenach tätig war, einen Abriss der Geschichte der Kolpingamilie in Gerstungen erstellt.

Rückblick auf 50 Jahre Kolpingfamilie Gerstungen

1. Vorgeschichte

Im Jahre 1909 kam das Ehepaar Sinz von Wiesbaden nach Gerstungen. Sie erwarben die Leichtsteinfabrik von Reinhard & Comp. Durch seine berufliche Tätigkeit in der Umgebung lernte Herr Sinz katholische Familien entlang des Werratales kennen und berichtete seine Erfahrungen dem Pfarrer der katholischen Gemeinde „St. Elisabeth“ in Eisenach. Daraufhin kam dieser öfters nach Gerstungen und besuchte die katholischen Familien in der Umgebung.

Herr Sinz baute das Obergeschoss seines Hauses zu einem Kapellenraum aus und stellte diesen Raum für Religionsunterricht und Gottesdienste zur Verfügung. Dadurch wurde den Katholiken der weite Weg nach Bebra oder Eisenach zu einem Gottesdienstbesuch erspart. Der Bischof von Fulda entsprach der Bitte des Herrn Sinz, zukünftig die Oblatenpatres von Hünfeld mit der Feier der Gottesdienste zu beauftragen. So kamen die Patres monatlich nach Gerstungen.

Während des Ersten Weltkrieges stellte Herr Sinz auf Anfrage um Räumlichkeiten den Kapellenraum in seinem Haus für Gottesdienste für Gefangene zur Verfügung. Polen, Italiener, Engländer und Franzosen waren in der Umgebung untergebracht.

Nach dem Ersten Weltkrieg fielen vorerst die Gottesdienste aus und erst ab Weihnachten 1919 kam Oblatenpatres aus Hünfeld, um monatlich Gottesdienst zu feiern und Religionsunterricht zu erteilen.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Kapelle eine wahre Zufluchtsstätte für Flüchtlinge. Zuerst kamen Saar- und Rheinländer aus den Diözesen Trier, Aachen und Köln.

Es folgten nach Beendigung des Krieges Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Der kleine Betsaal im Obergeschoss reichte bei weitem nicht mehr aus. So wurde der Um- und Ausbau der kleinen Notkapelle geplant und ausgeführt. Den gesamten Bauablauf leitete und organisierte Herr Pfarrkurat Karl Wiegel.

Am 28. April 1963 wurde die Herz-Jesu-Kapelle in Gerstungen durch Herrn Weihbischof Aufderbeck aus Erfurt eingeweiht.

Mit großem Eifer, Zeitaufwand und Geldspenden hat die Gerstunger Gemeinde den Um- und Ausbau der Kapelle unterstützt. In schwieriger Zeit hat die Gemeinde großen Zusammenhalt und Mut bewiesen.

 

2. Von der Gründung der Kolpingfamilie bis zur Wendezeit

Vor allem die Männer der Gemeinde brachten sich mit ihren handwerklichen Fähigkeiten ein.

Drei ehemalige Kolpingbrüder, die vor der Vertreibung in ihrer damaligen Heimat in der Kolpingfamilie aktiv waren, regten die Männer an, eine Kolpingfamilie zu gründen, um so die Gedanken des Priesters und Gesellenvaters Adolph Kolping weiterzutragen. 

So wurde am Christkönigsfest 1964 die Kolpingfamilie Gerstungen gegründet. Es gehörten ihr 18 Kolpingbrüder an.

Das Amt des Präses übernahm Herr Pfarrer Wiegel. Senior war Herr Richard Plasche aus Berka.

In den ersten Jahren trafen sich die Kolpingbrüder zweimal monatlich zu ihren Versammlungen, einige Jahre später monatlich. Über jede Sitzung wurde – und wird bis heute – Protokoll geführt.

So beschloss die Kolpingfamilie in ihren ersten Sitzungen, für die ganze Gemeinde einen Faschingsabend zu organisieren und durchzuführen. – Im Mai 1965 organisierten sie einen Kleinbus und fuhren gemeinsam zur Männerwallfahrt nach Klüschen/Eichsfeld.

Die Kolpingfamilie befasste sich in ihren Sitzungen mit vielen Themen. Es wurden immer wieder Vorträge gehalten von Gastreferenten, dem Präses oder von Kolpingbrüdern. In den ersten Jahren nach ihrer Gründung wurden laut Protokollen z. B. folgende Vorträge gehört und anschließend diskutiert:

„Junge Familie – Leben aus dem Sakrament der Ehe
„Die neue Verfassung der DDR“
„Einführung der neuen Liturgie nach dem II. Vatikanischen Konzil“
„Betrachtung über die Karwoche“
„Neue Osterliturgie“

Die geistliche Leitung der Kolpingfamilie übernimmt der Präses. Es ist in der Regel der jeweilige Priester der Gemeinde, der sich freiwillig zu diesem Amt bereiterklärt. Die Tätigkeit des Präses wird vom Bischof in einer Urkunde bestätigt.

In den siebziger Jahren wurden von Herrn Bischof Aufderbeck zwei Kolpingbrüder nach einer Ausbildung zum Diakonatshelfer berufen.

In einem feierlichen Gottesdienst nahm Herr Generalvikar und Diözesanpräses Paul Uthe im März 1977 12 Frauen aus der Pfarrgemeinde in die Kolpingfamilie auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kolpingfamilie 32 Mitglieder.

Anfang der 50er Jahre wurden die grenznahen Gebiete in Sperrgebiete eingeteilt, die nur mit einem Passierschein besucht werden konnten. Die Seelsorge wurde dadurch in der Pfarrkuratie Gerstungen sehr erschwert. Kontakte mit anderen Kolpingfamilien waren sehr eingeschränkt. Die Besuche blieben meist einseitig. Bis zur Wende bewegten sich die Aktivitäten der Kolpingfamilie im Bereich der Pfarrgemeinde.

 

3. Veränderte Situation der Kolpingfamilie nach der Wendezeit

Nach der Wende 1989/90 ergaben sich neue Aufgaben für das Kolpingwerk und unsere Kolpingfamilie.

Vom Staat wurde eine aktive Mitarbeit von Kolpingmitgliedern gewünscht. Darum erklärte sich ein Kolpingbruder aus unserer Kolpingfamilie bereit, als Schöffe im Arbeitsgericht Eisenach mitzuarbeiten. Er übte diese Tätigkeit zehn Jahre aus. – Eine Kolpingschwester war einige Jahre im Zivilgericht Eisenach als Schöffin tätig.

Die Wende brachte auch Unsicherheiten. Ein Rückgang der Kolpingmitglieder war zu verzeichnen aus unterschiedlichen Gründen.

Kolpingfamilien aus Suhl, Wolfmannshausen, Bad Salzungen und Gerstungen schlossen sich zu den „Südthüringer Kolpingfamilien“ zusammen. Sie trafen sich viertel jährlich, um ihre Aufgaben zu besprechen.

Anfang eines jeden Jahres findet in Erfurt an einem Wochenende ein Vorständeseminar statt, in dem aktuelle Themen aus Bildung, Politik und Sozialwesen in einem Vortrag erläutert und diskutiert werden.

Nach der Wiedervereinigung wurden etwa 15 Jahre lang Anfang Oktober der „Tag der Einheit“ mit allen Kolpingfamilien Südthüringens und Kolpingfamilien aus dem Rhön-Grabfeld (Bayern) begangen.

In Rumänien und später in der Ukraine werden Kolpingfamilien gegründet und durch das Kolpingwerk begleitet. Unsere Kolpingfamilie unterstützt die Kolpinghilfe in Rumänien und der Ukraine. In den ersten Jahren nach der Wende haben wir Paketaktionen und Kleidersammlungen für Rumänien durchgeführt. Es beteiligten sich an diesen Aktionen die evangelischen Pfarreien Gerstungen, Berka und Dankmarshausen.

In den letzten Jahren finanzieren wir durch Geldspenden den Transport der Weihnachtspakete nach Rumänien mit.

Es bestehen zum Teil persönliche Patenschaften für bedürftige Familien und Kinder in Rumänien und der Ukraine. Die Paten spenden jährlich eine bestimmte Geldsumme, die dann persönlich durch Kolpingmitglieder überbracht wird. Darüber wird vom Kolpingwerk schriftlich Rechenschaft abgelegt.

Jährlich führen die Südthüringer Kolpingfamilien einen Familientag durch, jedes Jahr mit einem anderen Ziel.

So erlebten wir im Sommer 2012 einen gemeinsamen Tag in der Hohen Rhön bei Hausen. Nach einem Gottesdienst in der Franziskus-Kapelle gingen wir gemeinsam den Franziskus-Pilgerweg.

Die Kolpingfamilie Gerstungen übernimmt weiterhin viele Aufgaben in der Gemeinde. Sie hilft bei Renovierungsarbeiten in der Kirche und im Gemeindesaal, der Pflege der Außenanlagen, bereitet das Fronleichnamsfest mit vor, organisiert „Offene Abende“ für die ganze Gemeinde, hilft bei der Vorbereitung der Adventsfeier, studiert jährlich ein Krippenspiel mit Kindern und Erwachsenen ein.

Von der Gründung der Kolpingfamilie an bis heute werden in unseren Sitzungen Vorträge über die verschiedensten Themen gehalten. Sie werden im Rahmen der Bildungsarbeit vom Kolpingwerk und vom Staat unterstützt.

Höhepunkte 2013:

Zum 200. Geburtstag Adolph Kolpings besuchten wir gemeinsam mit Kolpingfamilien aus dem Eichsfeld im Fuldaer Schlosstheater das Musical „Kolpings Traum“. Die Künstler stellten in beeindruckender Weise die Probleme der damaligen Zeit und das mutige Handeln des Priesters Adolf Kolping dar.

Das Wirken Adolph Kolpings ist das Leitmotiv des Kolpingwerkes: „Hilfe zur Selbsthilfe“

Ein weiterer Höhepunkt war ein gemeinsamer Familientag mit Kolpingmitgliedern aus dem Banat in Rumänien.

In Gesprächen informierten sie uns über die Kolpingarbeit im Banat und über die politische Situation.

Am 8. Dez. 2013 feierten die Kolpingfamilien der Diözese Erfurt im Erfurter Dom in einem Festgottesdienst den 200. Geburtstag Adolph Kolpings. Die Gerstunger Kolpingfamilie nahm auch daran teil.

Im Frühjahr 2014 schlossen sich die Thüringer Kolpingfamilien Süd und Ost zusammen. Es kamen hinzu: Pößneck, Saalfeld, Rudolstadt und Erfurt. Durch die teilweise sehr weiten Entfernungen zwischen einzelnen Kolpingfamilien finden die regionalen Sitzungen ab jetzt im Erfurter Kolpingbildungshaus statt. Die jährlichen Familientage werden wir in Zukunft auch gemeinsam erleben.

Am 26. Oktober diesen Jahres werden wir in einem Festgottesdienst unser 50. Jubiläum feiern und anschließend gemeinsam mit den Kolpingfamilien Thüringen Süd und Ost den jährlichen Familientag in Gerstungen begehen.

 

Gabriele Schäfer

Mitglied der Kolpingfamilie Gerstungen